Zum Hauptinhalt springen Skip to page footer

Eröffnungsrede

Försterhaus Reute. Franz Schuck. Genius Loci - Der Geist des Ortes. Eröffnung: Sonntag, 16.03.25. Einführung: Dr. Antje Lechleiter©, Freiburg

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch ich begrüße Sie herzlich zu dieser Ausstellung mit Malerei und Tuschen von Franz Schuck. Bevor ich gleich auf die gezeigten Werke zu sprechen kommen werde, möchte ich den Künstler ganz kurz mit seiner - interessanten - Biografie vorstellen. Schuck ist in New Jersey in den USA aufgewachsen und kam erst 1987 nach Südbaden. An der PH hat er Kunst und an der Universität in Freiburg Kunstgeschichte und Germanistik studiert. Er unterrichtet an der Realschule in Denzlingen, sein Atelier befindet sich in Vörstetten. 

Schuck hat bereits verschiedenste Werkgruppen gestaltet und mit unterschiedlichsten Materialien gearbeitet. Unter anderem kam Asche innerhalb von einer Serie ungegenständlicher Kompositionen zum Einsatz. Naturmotive und besonders Waldbilder beschäftigen den Künstler bereits seit 2013. Mit einer Arbeit von 2014 finden Sie ein früheres Beispiel aus der Wald-Serie in der Ausstellung. Sie werden diese Komposition mit Birken sofort erkennen, denn sie weist noch einen schnelleren, aufgelösteren Malvorgang auf und die Pinselstriche sind deutlicher voneinander abgesetzt. In seinen daran anschließenden Werken geht es hingegen wesentlich stärker um Schichtung und Überlagerung sowie um das Sichtbarmachen einer feineren Oberflächenstruktur. 

Die Verzauberung, die er angesichts der immer neuen Seherlebnisse vor der Natur empfindet, hat schließlich dazu geführt, dass mitunter eine fast surreale, unnaturalistische Farbigkeit ins Bild tritt. Ein Beispiel hierfür sehen Sie oben bei seinem 2025 entstandenen, querformatigen Bild. 

Um uns zentralen Aspekten des Werkes zuzuwenden, möchte ich mit Ihnen nun auf dieses Gemälde blicken, das den Kandelfelsen zeigt: Franz Schuck ist stark von bildhaften Erinnerungen geprägt, vor Ort entsteht lediglich eine kleine Skizze oder eine Fotografie als Gedächtnisstütze, gemalt wird im Atelier. Er bevorzugt Motive, die ihm vertraut sind und ihn unmittelbar ansprechen, doch es geht ihm nicht darum, dass diese Orte von den Betrachtenden identifiziert werden können. Er malt also keine Landschaftsporträts. Häufig zeigt der Künstler den kurzen Moment einer Gegenlichtsituation, und so sehen wir auf seinen Gemälden weit mehr als Wald, Wasser oder Felsen: Wir erleben Übergänge, Augenblicke einer sich permanent wandelnden Situation. Schucks Thema ist also die Natur, doch Programm seiner Malerei sind flüchtige Erscheinungen. Zu diesem Aspekt passt dann natürlich auch der Titel unserer Ausstellung "Genius Loci": Schuck zeigt den Geist eines Ortes, allerdings nicht im spirituellen Sinne, sondern aus dem Moment einer ästhetischen Wahrnehmung heraus gedacht. 

Mit den Augen rücken wir nahe an seine Kompositionen heran und jene werden oftmals stark von den Rändern her angeschnitten. Von den Bäumen sehen wir daher zumeist weder den unteren Bereich noch ihre Krone. 

Wenn der Künstler das welke Laub auf dem Waldboden oder den Moosbewuchs 

auf den Felsen betrachtet, dann untersucht er die Struktur, Beschaffenheit und die Wirkung des Lichtes an diesen Oberflächen. Blicken wir einmal genauer auf diese Ansammlung von Blättern hier im Vordergrund. Solche chaotischen nhäufungen von Vegetation in der Natur lassen sich mit den Augen nur sehr schwer fassen und dieser Aspekt fesselt den Künstler und fordert ihn zugleich heraus. Wenn Sie sich diese scheinbar minutiöse Beschreibung der abgestorbenen Blätter aus der Nähe anschauen, werden Sie überrascht sein, auf welche Weise sie malerisch konstituiert wurden. Denn der Künstler nutzte eine erstaunlich freie Vorgehensweise, ja sogar Zufallsverfahren und tropfte oder spritzte seine Farben auf den Untergrund. Das, was nun schwerpunktmäßig Braun aussieht, setzt sich aus einer Vielzahl von verschiedenen Violett- und Rosatöne in Verbindung mit Schwarz, Braun, Gelb und Weiß zusammen, überdies lassen sich leuchtend blaue Farbspritzer entdecken. Sie sehen an dieser Stelle, dass diese Werke nichts mit Fotorealismus zu tun haben. Es geht dem Künstler vielmehr darum, unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Natur als solche und damit auf den Akt der Wahrnehmung zu lenken. Bei der Betrachtung dieser scheinbar vollkommen abgeschiedenen, ursprünglichen Orte abseits der Zivilisation werden in uns Erinnerungen an ähnliche Seherlebnisse wach, es werden vergangene Momente aufgerufen, die sich mit der Empfindung vor dem Bild verbinden. So stellt sich oftmals ein angenehmes Gefühl der Vertrautheit mit dem Motiv ein. Es geht Franz Schuck also nicht nur um das äußere, sondern auch um das innere Erleben. Der Künstler zeigt etwas sehr Poetisches, ein letztes Stück Idylle, ein Naturfragment, das er inmitten der vom Menschen veränderten, kultivierten Landschaft gefunden hat. Wir erleben ein Stückchen von jenem Arkadien, das es leider nicht gibt, doch in das wir uns auf seinen Bildern hineinträumen können. 

Auf Ihrer Einladungskarte sowie mehrfach in der Ausstellung finden Sie ein Motiv, mit dem Schuck ausgesprochen vertraut ist. Der Schobbach fließt unweit seines Wohnortes und zieht ihn magisch an. Kleinsten Veränderungen in seiner Wasserführung und an seinen Ufern schenkt er seine volle Aufmerksamkeit  - erst vor Ort bei der Betrachtung und dann später im Atelier bei seiner Malerei. Nun ist Wasser ein extrem anspruchsvolles Thema, denn es hält ganz und gar nicht still. Doch auch die Spiegelungen und die Farbenvielfalt an der Wasseroberfläche eröffnen dem Künstler die Chance, die der Malerei innewohnenden Möglichkeiten zu untersuchen, ein Gefühl für Ballung und Auflösung, Transparenz und Dichte auf die Leinwand zu holen. Interessanterweise zeigt er den kleinen Bach immer nur von einer Seite und mit Blick auf die grüne Wiese, die an das gegenüberliegende Ufer grenzt. Das hat seinen Grund, Schuck war nie auf der Gegenseite und möchte auch bei seinem Blick auf das nur von der Ferne her bekannte Terrain bleiben. 

In einem kleinen Kabinett der Ausstellung befinden sich einige Tuschpinselzeichnungen auf Papier, die eine grafische Umsetzung dessen sind, was er in seiner Malerei mit Farbe erwirkt. Wunderbar zart sind hier die vegetabilen Strukturen festgehalten und es entsteht eine geradezu ins Dreidimensionale gehende Räumlichkeit auf der Oberfläche seiner Papieruntergründe. Unter diesen Werken befindet sich übrigens ebenfalls eine Arbeit, die auf einen Ort am Kandelfelsen verweist. Die Motive korrespondieren also mit jenen seiner Malerei, er blickt auf eine einstige Ziegentränke im Kaiserstuhl, auf die Auwälder bei Vörstetten oder den Feuerbach bei Reute. Hier sehen Sie eine Situation am Schobbach. Bei diesen Tuschen geht der Weg zum 

Bild ähnlich von statten wie in der Malerei, doch es muss anders gewichtet werden, denn der Künstler muss ja in Grauwerten denken. Dennoch geht es ihm auch in diesem Bereich um Textur, Schichtung und Struktur, also darum, eine ganz bestimmte Oberfläche zu kreieren, die sich mit den Augen abtasten lässt. Etwa eine poröse Rinde, abgestorbene Zweige, totes Laub. Und schauen Sie genau hin, dann werden Sie auch hier den Einsatz von erstaunlich freien Techniken finden, auch hier wird die Tusche mitunter aufgespritzt oder aufgetropft. Viele der Bilder entstanden im Winter, da Schuck von der grafischen Struktur der Stämme in Verbindung mit den unbelaubten Ästen fasziniert war. Häufig treffen wir auch in diesen unbunten Kompositionen auf Gegenlichtsituationen oder leichten Nebel, welche die Landschaft in einen sanften Schwebezustand von "noch nicht und nicht mehr" versetzen.

Sehr geehrte Damen und Herren, die Werke von Franz Schuck sind von einer großen Innerlichkeit geprägt und unter "Innerlichkeit" versteht der Künstler ein Zusammentreffen von Empfindungen, Gefühlen und Hoffnungen. Und so zeigt er in seiner Malerei einen Wald, der weit mehr ist als die Summe seiner Bäume.